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100 Schüler bekommen hautnahe Einblicke in die Kommunalpolitik

Laatzen. Rund 100 Schüler der Laatzener Albert-Einstein-Schule (AES) haben in dieser Woche in die Kommunalpolitik hineingeschnuppert. Statt mit Mathematik, Deutsch oder Kunst beschäftigten sich vier Klassen aus dem achten Jahrgang von Dienstag bis Donnerstag eingehend mit Fraktionen, Anträgen und anderen Dingen – und zwar nicht nur theoretisch. Beim im Rahmen des Bundesprogramms Demokratie leben! organisierten Planspiel „Pimp your Town“ schlüpften sie im nämlich selbst in die Rolle von Politikern: Sie nahmen an Gremiensitzungen teil und diskutierten über Themen, die sie im realen Leben selbst angehen – von besserem Schulequipment über die Handynutzung in der Schule und zusätzlich eingesetzten Bussen und Bahnen war alles dabei. Beteiligt waren Schülerinnen und Schüler aus dem Gymnasial-, Real- und Hautschulzweig der AES.

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Am Dienstag hatten die Teilnehmer nach einem Crashkurs zum Thema Kommunalpolitik zunächst Ideen gesammelt und davon einige ausgewählt, zu denen sie Antrage verfassen wollten. Der Mittwoch startete mit einer Sitzung der Ausschuss-AG, die von Olaf Lichy aus dem echten Laatzener Stadtrat beratend begleitete wurde. „In neun Ausschussgruppen bereiteten sich die Fraktionen darauf vor, ihre Anträge überzeugend zu vertreten und Mehrheiten zu finden“, beschreibt Projektleiter Michael Domke vom Verein Politik zum Anfassen den Ablauf.

Nach weiteren Fraktionssitzungen begann am Donnerstagvormittag schließlich die fiktive Fraktionssitzung, bei der die Schüler im Plenum über ihre in den Ausschüssen erarbeiten Anträge abstimmten. Gleich im ersten Antrag forderten die Teilnehmer ein besseres Schulequipment. „Manche Lehrer bereiten den Unterricht digital vor“, machte ein Schüler deutlich. Im Unterricht hapere es aber häufig daran, dass technische Geräte nicht einsatzbereit sind. Durch den vermehrten Einsatz von Tabletcomputern könne Papier gespart werden, „und in den meisten Klassen sind die Overheadprojektoren kaputt.“ Während einige Schüler eine Reparatur der Geräte forderten, sprachen sich andere dagegen aus. „Es wäre besser, gleich richtig in die Digitalisierung zu gehen und iPads und Whiteboards zu nutzen.“ Am Ende wurde der Antrag angenommen. Der Laatzener Ratsvorsitzende Bernd Stuckenberg, der die fiktive Pimp-your-Town-Sitzung am Donnerstag leitete, kündigte an, dass das Thema auch im Schulausschuss weiterverfolgt werden soll.

Die „Fraktion Future“ forderte in einem Antrag, dass in Laatzen möglichst viele Solarzellen auf Häusern installiert werden sollen. „Euer Hinweis ist sehr gut“, machte der Ratsvorsitzende deutlich. „Hier ist Euch die echte Politik aber schon voraus, das wurde gerade beschlossen.“ Auch Gründächer solle es künftig mehr in der Stadt geben. „Leider gibt es aber noch keine gesetzliche Regelung, mit der das vorgeschrieben werden kann.“ In der Abstimmung winkten die Schüler den Antrag einstimmig durch.

Mit der Forderung nach mehr Mülleimern in der Stadt griffen die Beteiligten ebenfalls ein Thema auf, über das in der Stadt häufig diskutiert wird. Eine Schülerin machte deutlich, dass viele Mülleimer gar nicht genutzt würden und der Müll oft daneben geworfen werde. Andere fanden den Antrag hingegen sehr gut. „Viele Mülleimer sind überfüllt“, hieß es, und: „Wenn ein Mülleimer in der Nähe ist, ist die Wahrscheinlichkeit höher, dass Leute ihren Müll da auch reinwerfen.“ Ein Schüler betrachtete den Vorschlag aus der Perspektive der Stadt: „Wenn überall Mülleimer stehen bräuchte die Stadt Laatzen unglaublich viele Arbeitskräfte, um sie zu leeren.“ Stuckenberg machte deutlich, dass die Verwaltung die Aufstellung weiterer Abfallbehälter eher ablehnt. „Man kann seine Sachen auch einfach mit nach Hause nehmen oder am nächsten Mülleimer wegschmeißen.“ Eine deutliche Mehrheit der Schüler stimmte dennoch dafür. „Wir werden das Thema im Rat und in den Ortsräten weiter verfolgen“, versprach Stuckenberg.

In eine ähnliche Richtung tendierte ein weiterer Antrag aus dem Ausschuss für Umwelt: Die Gruppe „Die Amateurpolitiker“ forderte, dass die Straßen sauberer sein und regelmäßig gereinigt werden sollen. „Es wird immer so sein, dass es dreckig ist, dagegen kann man nicht viel tun“, äußerte ein Schüler seine Ansicht. „Ich finde, Laatzen ist eigentlich eine saubere Stadt“, sagte ein anderer – zur Verwunderung des Ratsvorsitzenden. „Ich höre heute das erste Mal öffentlich, dass Laatzen eine saubere Stadt ist“, so Stuckenberg, Das Problem seien aber nicht schmutzige Straßen, sondern der wilde Sperrmüll an den Rändern. „Wir haben gerade erst beschlossen, Müllsheriffs einzusetzen, damit wir die Verursacher finden.“ Stuckenberg machte deutlich, dass die Stadt für die Entsorgung wilden Mülls den Abfallentsorger aha beauftragen muss. „Das kostet die Stadt jedes Mal Geld.“ Die Abstimmung wurde mit Verweis auf eine Müllsammelaktion zurückgestellt, die die Schülerinnen und Schüler eventuell noch organisieren möchten.

Nach wie vor unbefriedigend finden die Jugendlichen die Bus- und Bahnverbindungen – insbesondere vor Schulbeginn und nach Ende des Unterrichts. „Die Bahn ist dann richtig voll“, sagte eine Schülerin. „Man wird regelrecht reingedrängt und hat nur wenige Zentimeter Platz, man fühlt sich da wirklich nicht wohl.“ Wenn die Schüler die Bahnen in Richtung Gleidingen kurz nach Schulschluss nicht erreichen, müssten sie 20 Minuten auf die nächste warten. „Ich fahre selbst viel Bahn und verstehe Euch gut“, sagte Olaf Lichy. „Es macht keinen Spaß, 20 Minuten lang im Regen zu stehen und auf die Bahn zu warten. Ich kann diesen Antrag nur unterstützen.“

Dem Jugendbeirat ist das Problem schon länger bekannt. Das Gremium habe dazu bereits Gespräche mit der Üstra geführt. „Wir haben die Abfahrten um drei Minuten nach hinten legen können“, machte Jennifer Schmidt deutlich. „Es fahren jetzt schon drei Bahnen und mehrere Busse.“ Ein Problem sei, dass die Taktung der Züge mit anderen Anschlüssen – zum Beispiel am Aegi und Kröpcke – im Einklang stehen müsse. „Die Straßenbahnen können nicht einfach so losfahren.“ Die Vertreterin des Jugendbeirates verwies auf die Erweiterung der Linie 2. „Demnächst fährt noch eine Bahn vom Ginsterweg nach Gleidingen.“ Dies könne die Linie 1 zumindest ein wenig entlasten.

Am Ende zeigten sich alle Beteiligten zufrieden mit dem Planspiel. Pimp your Town führe in jedem Jahr zu ganz unterschiedlichen Ergebnissen, über die in der realen Politik weiter diskutiert wird, sagte Gymnasialzweigleiter Dr. Joris Doelle. Ähnlich äußerte sich Wilhelm Paetzmann. „Bei Pimp your Town wird der Titel ‚Demokratie leben!‘ zu 100 Prozent umgesetzt.“ Das Projekt sei für jeden teilnehmenden Schüler ein großer Gewinn. „Die Diskussionen laufen im Rat und in den Parlamenten ähnlich ab wie hier. Ihr seht: Politik ist kein Hexenwerk.“

Dass über das Planspiel sogar Wege in die reale Politik führen, machte Bernd Stuckenberg am Beispiel von Daniel Kaske deutlich. Der 19-Jährige wurde bei der Kommunalwahl am vergangenen Sonntag für die SPD in den Rat gewählt wurde. „Er kam über Pimp your Town und den Jugendbeirat zur Politik“, betonte Stuckenberg.

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