Region. Eine Mountainbikerin, Mutter und zugleich begeisterte Nutzerin des Deisters wendet sich in ihrem Leserbrief gegen die aus ihrer Sicht zunehmend einseitige Debatte über den Mountainbikesport im Deister. Sie plädiert dafür, Naturschutz, Erholung und Sport zusammenzudenken und die Erfahrungen der Nutzer stärker in die Planungen der Region Hannover einzubeziehen.
"Ich bin Mountainbikerin, Mutter und nutze den Deister genauso gerne zum Wandern, Spazierengehen und zur Erholung wie mit dem Fahrrad. Gerade deshalb ärgert mich zunehmend, wie über Mountainbiker und die Zukunft des Deisters gesprochen wird.
Denn das Bild, das dabei teilweise entsteht, hat mit den Menschen, die ich kenne und mit denen ich den Wald nutze, wenig zu tun.
Natürlich gibt es Menschen, die sich nicht an Regeln halten. Das gibt es bei jeder Form der Waldnutzung. Aber deshalb sind Mountainbiker nicht grundsätzlich das Problem. Mountainbiken ist nicht grundsätzlich illegal. Die große Mehrheit möchte ihren Sport legal ausüben und dabei Rücksicht auf Natur und andere Waldnutzer nehmen.
Genau deshalb verstehe ich die derzeitige Politik der Region Hannover nicht.
Die Region sagt, Mountainbiken soll auch künftig seinen Platz im Deister haben. Gleichzeitig werden die drei bestehenden legalen Trails beseitigt. Ein neues Angebot soll entstehen – aber bisher ist nicht erkennbar, wann dieses Angebot tatsächlich in ausreichendem Umfang vorhanden sein wird und vor allem, ob es den tatsächlichen Bedarf der Mountainbiker abdeckt.
Dabei wird für mich ein Widerspruch besonders deutlich:
Es gab im Deister drei legale Trails, während die von der Region beauftragte Machbarkeitsstudie einen deutlich größeren Bedarf festgestellt und unter anderem mehr als zehn zusätzliche Trailangebote betrachtet beziehungsweise vorgeschlagen hat.
Gleichzeitig nahm der illegale Trailbau im Deister zu.
Die daraus gezogene Schlussfolgerung der Region lautet sinngemäß, dass die bisherigen legalen Trails ihre Lenkungswirkung nicht ausreichend erfüllt hätten.
Aber ist diese Schlussfolgerung wirklich so einfach?
Wenn drei legale Trails einem deutlich größeren Bedarf gegenüberstehen – ist es dann tatsächlich ein Beleg für ein gescheitertes Angebot, wenn außerhalb des vom Verein betreuten Bereichs weiterhin illegale Trails entstehen?
Oder könnte es nicht genauso bedeuten, dass das legale Angebot von Anfang an zu klein war und den tatsächlichen Bedarf nicht abgedeckt hat?
Und wenn der zunehmende illegale Trailbau überwiegend an anderen Stellen des Deisters stattfand, stellt sich doch eine weitere Frage:
Warum wird dieses Problem dem Verein und seinem bestehenden Angebot zugerechnet, statt zu fragen, ob die Region den bereits erkannten Bedarf schlicht nicht ausreichend berücksichtigt hat?
Genau hier hätte ich mir eine andere Konsequenz gewünscht: Nicht zuerst das bestehende legale Angebot abschaffen, sondern den Bedarf genauer ermitteln, das Angebot entsprechend erweitern und die Nutzer in die Planung einbeziehen.
Denn wer drei legale Trails anbietet, obwohl offensichtlich eine deutlich größere Nachfrage besteht, kann doch nicht überrascht sein, wenn Menschen andere Wege suchen.
Hier wird für mich auch die Rolle der Deisterfreunde entscheidend.
Der Verein ist nicht nur eine Gruppe von Mountainbikern, die bestimmte Trails behalten möchte. Er kennt die Nutzer, die unterschiedlichen Bedürfnisse und die praktischen Probleme. Er bringt ehrenamtliches Engagement mit und hat über Jahre Verantwortung übernommen.
Die Region stellt nach meiner Wahrnehmung dar, der Verein sei nicht mehr gesprächsbereit. Das kann ich so nicht nachvollziehen. Gesprächsbereit zu sein bedeutet doch nicht, jeder Entscheidung der Region zuzustimmen. Vielleicht besteht der Konflikt gerade darin, dass der Verein mit seinen Argumenten immer wieder auf eine politische Entscheidung trifft, die bereits festzustehen scheint.
Wenn die drei Trails wegfallen, verliert der Verein seine wichtigste Grundlage – und damit möglicherweise Mitglieder, Einnahmen und ehrenamtlich engagierte Menschen.
Was passiert dann mit der Lösung, die die Region gleichzeitig von den Mountainbikern erwartet?
Auch der viel zitierte Deisterkodex lässt mich deshalb mit Fragen zurück. Ein Kodex kann sinnvoll sein, wenn er gegenseitige Rücksichtnahme fördert. Aber wenn darin auch ganz normale Formen der Walderholung angesprochen werden, muss man doch fragen dürfen, welche Bedeutung solche Regeln tatsächlich bekommen sollen und ob ein freiwilliger Kodex irgendwann faktisch mehr bewirkt als das geltende Recht.
Ich möchte keinen Wald ohne Regeln. Im Gegenteil: Ich möchte, dass wir ihn schützen und trotzdem nutzen können. Ich möchte, dass meine Kinder den Wald erkunden können. Ich möchte wandern, Rad fahren und mich erholen können. Und ich möchte, dass dabei Rücksicht auf Wildtiere, Natur und andere Menschen genommen wird.
Aber ich möchte auch nicht, dass über mich als Mountainbikerin gesprochen wird, als wäre ich Teil eines Problems, das man möglichst verwalten oder zurückdrängen muss.
Warum wird nicht stärker darauf gesetzt, den vorhandenen Verein als Teil der Lösung zu erhalten und gemeinsam mit den Nutzern ein Angebot zu entwickeln, das tatsächlich deren Bedarf abbildet?
Denn wenn bestimmte Bereiche aus Naturschutzgründen nicht für technische Strecken oder Sprünge geeignet sind, kann man darüber sprechen. Dann braucht es eben andere geeignete Flächen. Wenn das legale Angebot größer sein muss, muss man darüber sprechen. Wenn bestimmte Regeln notwendig sind, muss man sie erklären und gemeinsam tragen.
Aber dann sollte die Politik auch konkrete Antworten geben:
Wie viele Kilometer legales Angebot braucht der Deister tatsächlich?
Welche unterschiedlichen Nutzergruppen sollen damit erreicht werden?
Wo können technische Strecken und Sprünge legal stattfinden?
Wann wird das neue Angebot fertig?
Wer betreibt und pflegt es?
Und welche Rolle soll der Verein Deisterfreunde dabei spielen?
Vor allem aber: Warum wird zuerst eine funktionierende Vereinsstruktur geschwächt und erst danach über ein neues Angebot gesprochen?
Ich glaube nicht, dass der Deister einen Kampf zwischen Mountainbikern und Naturschutz braucht. Ich glaube auch nicht, dass Jäger, Waldbesitzer, Forst oder Naturschutzverbände „die Bösen“ sind. Sie haben berechtigte Interessen – genauso wie wir anderen Waldnutzer.
Aber genau deshalb sollte die Politik keiner Interessengruppe allein die Deutungshoheit über den Wald überlassen.
Der Deister gehört niemandem allein. Er ist Eigentum verschiedener Menschen und Institutionen – aber er ist für uns alle ein wichtiger Natur- und Erholungsraum.
Vielleicht sollte die entscheidende Frage deshalb nicht lauten: „Wie bekommen wir die Mountainbiker besser in den Griff?“
Sondern: „Wie schaffen wir es, dass Naturschutz, Erholung und Sport im Deister gemeinsam funktionieren – und warum wird dafür ausgerechnet die organisierte Gruppe geschwächt, die einen Teil dieser Lösung tragen könnte?“
Ich würde mir wünschen, dass die Region diese Fragen nicht nur beantwortet, sondern endlich mit den Menschen diskutiert, um die es tatsächlich geht."
Julia Böttcher
Leserbriefe geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich sinnwahrende Kürzungen vor. Nicht alle Zuschriften können veröffentlicht werden. Wer kommentieren möchte, kann das gern über die Kommentarfunktion unserer Facebook-Seite tun.

